"Irgendwelche Menschenrechtsverletzungen wurden durch die NATO nicht verhindert... Sie
haben das türkische Folterregime durch Waffenlieferungen bei den Verbrechen gegen die
Bevölkerung in Kurdistan unterstützt. Genauso wie sie das indonesische Regime, das in Ost-Timor Zigtausende von Menschen abschlachtete, mit Waffen beliefert haben. In diesen und
anderen Fällen haben sie auf die Menschenrechte geschissen."(1) - es sei denn, sie passen
ihnen grade in den Kram. Denn es scheint, als ob die zur Zeit sehr kritische Lage in Ost
Timor schnell zum "humanitären" Vorwand werden kann, um eine für das Weltkapital
unhaltbare Situation in Indonesien in den Griff zu kriegen. Eine aus VertreterInnen aller
Parteien bestehende Delegation des Bundestags warnte vor dem Brandherd Ost Timor und
forderte einmütig ebenso wie die Ost-Timor-Solidaritätsbewegung(2) und die Vertreter der
nationalen Befreiungsbewegung in Ost Timor in den letzten Wochen die Entsendung einer
(bewaffneten) "internationalen Friedenstruppe".
200 000 Menschen sind an den Folgen der Invasion Indonesiens umgekommen:
umgebracht, verhungert, an harmlosen Krankheiten verreckt - und das bei einer damaligen
Bevölkerungszahl von etwa 800 000. Ost Timor war schon immer ein armes Land, Portugal
hatte kein großes Engagement bei seiner "Entwicklung" gezeigt. So gab es 1975 zum Beispiel
in Ost Timor grade mal 20km asphaltierte Straße(3). Die Landwirtschaft war weitgehend
Subsistenzwirtschaft, was während der ersten Phase des Kampfes gegen die indonesische
Armee schnell zur Hungerfalle für die Bevölkerung wurde. Mit dem Zerstören von Wäldern,
Raub von Vieh und massenhafter Vertreibung wurde innerhalb kurzer Zeit eine erste Welle
von Proletarisierung gewaltsam durchgesetzt. Trotz vieler staatlicher Maßnahmen etwa auf
der Ebene der Infrastruktur ist Ost Timor immer noch wenig industrialisiert. Immer wieder
kam es zu Übergriffen durch die indonesische Armee bis hin zu regelrechten Massakern, so
wurden z.B. 1991 mehr als 200 Menschen während einer Trauerfeier auf dem Friedhof von
Dili erschossen.

Das Angebot von Autonomie im Rahmen des indonesischen Staates
allerdings läßt die Bewegung in Ost Timor nicht abschwellen. Ab Januar 99 wird mit der UN
und Portugal verhandelt während sich gleichzeitig Pro- indonesische Milizen - z.T.
ausgerüstet und wohlwollend geduldet durch das Militär oder Militärkreise - daran machen,
Angst und Schrecken zu verbreiten. Sie überfallen Dörfer, greifen Plätze an, wohin die Leute
geflüchtet sind, darunter auch Kirchen. Sie paradieren bewaffnet durch Dili, unbehelligt
durch Polizei oder Militär. Sie markieren Häuser von Aktivisten der Unabhängkeitsbewegung
und verbreiten Flugblätter mit Todesdrohungen. Insgesamt sind in diesem Jahr mehr als
hundert Menschen von diesen Milizen ermordet worden.
Am 5. Mai wurden gleichzeitig ein Abkommen mit Portugal und den UN über ein
Autonomiestatut und ein Abkommen über die Vorbereitung und Durchführung einer
"Befragung" der Ost Timoresen durch die UN (praktisch ein Referendum; Termin 7. oder 8.
August) über die von ihnen gewünschte Zukunft (Autonomie in Indonesien oder
Unabhängigkeit) geschlossen. Während Teile der Bevölkerung in Ost Timor terrorisiert
werden, mutieren die Führer der "Befreiungs"organisationen angesichts ihrer enormen
Aufwertung durch die Verhandlungen zu Staatsmännern. So verbietet der Chef der Falintil
(bewaffneter Arm der Fretilin) und Vorsitzende des CNRT (Conselho National de Resistancia
Timorese), Xanana Gusmao, vom Knast in Jakarta aus den Studenten in Dili, eine
Demonstration gegen den Terror der Milizen zu organisieren: "Wir müssen alles zu diesem
Prozeß [die Vorbereitung der Befragung im August, Red.] beitragen, der Orientierung des
UN-Teams folgend. Zu diesem Zweck wiederhole ich meinen Appell, ruhig zu bleiben. Ich
wiederhole meinen Appell an die Jugend von Dili, Befehle zu befolgen und verlange, daß sie
verantwortlich und mit Disziplin handelt."(7) Statt auf die Aktionen der "Jugend von Dili"
setzen er und die anderen Chefs auf die Zukunft als Staat und fordern die Entsendung einer
bewaffneten Friedenstruppe nach Ost Timor. Dabei scheuen sie auch nicht davor zurück,
unverhüllt den Einmarsch der NATO zu fordern. Jose Ramos Horta in einem Interview mit
der Gazette, einer Provinzzeitung in Iowa: "Die NATO- Intervention [in Jugoslawien] ist die
erste seit 50 Jahren, für die aus rein humanitären Gründen argumentiert werden kann", und
die Gazette weiter: "Ramos-Horta sagt weiter, er wünschte, daß die USA oder andere
NATO-Mitglieder seinem Vaterland von etwa 800 000 Menschen die gleiche Art von Hilfe
geben würden wie dem Kosovo."(8) Und der Premierminister von Portugal, Antonio
Guiterres, antwortet: Portugals Teilnahme an den NATO-Aktionen in Bosnien und
Jugoslawien gäben dem Land die "moralische Autorität", die Intervention der UN in Ost
Timor zu fordern.(9)
Die UN will einige hundert unbewaffnete Polizisten schicken, die die indonesischen
Sicherheitskräfte bei der Vorbereitung des Referendums und der Aufrechterhaltung der
Sicherheit beraten und unterstützen sollen. Dies ist natürlich eine - wahrscheinlich bewußt -
riskante Angelegenheit. Jeder der interessiert ist, kann Anschläge auf unbewaffnete Gruppen
durchführen und Interessierte gibt's genug. Von den pro-indonesischen Milizen, die das
Referendum verhindern wollen bis hin zu Kreisen im Militär, denen eine bewaffnete
Auseinandersetzung Indonesiens mit "Aggressoren von außen" gerade recht käme, um
beispielsweise einen Militärputsch durchzuziehen und im Land Kriegsrecht durchzusetzen.
Weitgehend ungeklärt ist die Rolle, bzw das Schicksal der Migranten in Ost Timor. Während
im Abkommen über das Autonomiestatut jedeR zum Ost Timoresen erklärt wird, der/die vor
75 dort gelebt hat oder bei Inkrafttreten seit 5 Jahren dort lebt, ist es im Abkommen über das
Referendum nur noch der/diejenige, der/die dort geboren ist oder Eltern oder Großeltern oder
einen Ehepartner hat, der dort geboren ist. Das ist also schon eine weitgehend ethnische
Definition, die die Exiltimoresen ein-, aber viele MigrantInnen ausschließt. So legt man
ethnische Säuberungen an. Weiterhin müßten diese Verträge für ihre völkerrechtliche
Gültigkeit noch im indonesischen Parlament beschlossen werden - was praktisch nur im
Nachhinein geschehen kann, weil das neue Parlament erst im August zusammentreten wird
(gesetzt den Fall, daß die Wahlen einigermaßen erfolgreich über die Bühne gehen, was bei
der Niederschrift dieses Artikels, eine Woche vor den Wahlen, noch lange nicht sicher ist).
So gut wie alle Parteien, einschließlich Megawatis PDI Perjuangan, sind aber im Moment
noch gegen eine Unabhängigkeit Ost Timors. Und schließlich gibt es den möglicherweise
größten Anlaß für Krieg in einem Abkommen zwischen Australien und Indonesien über die
Ausbeutung eines neuentdeckten riesigen Ölfeldes zwischen Ost Timor und Australien, das
unter Portugals Protest geschlossen wurde. Australien hat jedenfalls vorsorglich eine neue
schnelle Eingreiftruppe aufgebaut, die in Darwin stationiert werden soll.
Karl Eugen, 31. Mai 1999 (aus: Wildcat Zirkular 50)
Eine Webseite von WELT IN UMWÄLZUNG Mannheim-Ludwigshafen
6. Juni 1999
1. Flugi der FAU Köln, nach: kumm erus, Nr 10
2. "Allein der Rückzug der indonesischen Streitkräfte aus Ost-Timor kann den paramilitärischen Banden den Boden entziehen...Eine solche Friedenstruppe sollte vorzugsweise eine multinational zusammengesetzte Polizeieinheit sein, deren Aufgabe es sein muss, umgehend die Entwaffnung aller am Konflikt beteiligten Kräfte vorzunehmen." Watch Indonesia, Berlin, An die Deutsche Bundesregierung und die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, 19.4.99
3. Craig Johnson, East Timor: Environmental Degradation linked to Human Rights Violations, the Ability of NGOs to affect Policy and a causal Explanation for the Lack of Action, 1996
4. Dr George J. Aditjondro, Migrants, Freedom Fighters, and Military Instigators: A Case Study on Migrants and Resitance in East Timor, 1996
5. Johnson, a.a.o.
6. Zu den Gründen dafür siehe "Finanzkrise in Asien: Das Kapital schlägt zurück, oder: Hoffen und Beten" in Wildcat-Zirkular 44
7. CNRT Statement May 10, 1999
8. The Gazette, Cedar Rapids, Iowa, 9.4.99
9. LUSA, portugiesische Nachrichtenagentur, 9.4.99